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Anne Challandes
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Mein achtsamer Blick:

 

Anna Stahl,
Mediensprecherin der Klimagerechtigkeitsinitiative Basel2030

 

Klimagerechtigkeit – von der Utopie zum Zukunftsmodell

Auf den ersten Blick liegt er allzu nahe, der Vergleich mit der COVID-19-Pandemie. Ebenso wie das Virus ist auch der Klimawandel ein realer Notstand, ein allgegenwärtiges, globales Phänomen, das sich über geografische Grenzen hinwegsetzt. Das uns alle gleichermassen betrifft und das vor niemandem Halt macht, egal ob reich oder arm, egal ob in Basel oder Bangladesch.

Indem sie Klimaerhitzung und soziale Gerechtigkeit zusammendenkt, widerspricht Klimagerechtigkeit diesem verkürzten Vergleich und schafft Platz für real existierende Unterschiede – lokal wie global: Auf ihren Kerngehalt reduziert, thematisiert Klimagerechtigkeit die Tatsache, dass nicht alle Menschen gleichermassen zum Klimawandel und zu seinen Folgen beitragen. Im Gegenteil: Jene, die am wenigsten Verantwortung für die Ursachen des Klimawandels tragen und über die geringsten Ressourcen verfügen, leiden gar am stärksten unter der Klimaerhitzung. Daraus resultiert eine soziale Ungleichheit, die es zu beseitigen gilt. Klimagerechtigkeit bezieht sich also auf das Verursacherprinzip: Industrialisierte Länder, die den grössten Teil der CO2-Emissionen verursachen, sollen auch die grösste Verantwortung für die Folgen des Klimawandels tragen.

Historisch betrachtet haben die Industrienationen in der Vergangenheit weit mehr CO2 emittiert als die Länder des Globalen Südens. Mit dem Pariser Klimaabkommen hat sich die Schweiz zu einer raschen Senkung ihrer Emissionen verpflichtet. Die Krux: Aktuell wird das Emissionsbudget eines Staates meist nach der Anzahl seiner Einwohner und Einwohnerinnen berechnet, die historischen Emissionen werden ausgeklammert. Dies verschleiert das tatsächliche CO2-Gefälle zwischen den Staaten. Aus klimagerechter Perspektive müsste die historische Verantwortung jedoch im Emissionsbudget berücksichtigt werden. Auch hinsichtlich der Massnahmen will Klimagerechtigkeit gerade keine Kosmetik in Form von Zertifikaten, die sich damit begnügen, das Problem in die Zukunft zu verschieben, statt den CO2-Ausstoss wirksam zu reduzieren. Anstelle erkaufter Klimaneutralität braucht es einen tiefgreifenden Systemwandel. Solange das auf Wachstum fussende Wirtschaftsmodell des Kapitalismus abhängig ist von fossilen Brennstoffen, bleibt echte Klimagerechtigkeit aber eine Utopie: Eine Welt der begrenzten Ressourcen ist mit einem unbegrenzten Wachstum nicht kompatibel.

Was im Grossen auf staatlicher Ebene gilt, trifft im Kleinen auf Individuen zu: Nicht alle tragen gleichermassen zum Klimawandel bei. Über geografische Grenzen hinweg steigt und sinkt der CO2-Ausstoss mit dem Einkommen. Und nicht nur die Ursachen, auch die Folgen des Klimawandels sind lokal wie global ungleich verteilt. Während wohlhabende Menschen über ein dickeres Portemonnaie verfügen, um sich an veränderte klimatische Bedingungen anzupassen, können sich arme Menschen aufgrund fehlender Ressourcen keinen Umzug in ein grüneres Stadtviertel oder die Installation einer kühlenden Klimaanlage leisten. Klimagerechtigkeit fordert einen Ausgleich dieser ungleich verteilten Betroffenheit. Damit strukturelle Unterschiede jetzt und in Zukunft Eingang in die Klimapolitik finden – ob in Basel oder Bangladesch.

Anna Stahl, Mediensprecherin der Klimagerechtigkeitsinitiative Basel2030. Die Initiative will netto null Treibhausgasemissionen bis 2030 und Klimagerechtigkeit in der kantonalen Verfassung von Basel-Stadt verankern.

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