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Der weltweite Erfolg der Avocados hat in Mexiko die Drogenkartelle auf den Plan gebracht. Die Folgen sind ein verzerrter Markt und massive Umweltschäden.

von Axel Amweg

Längst geniesst sie Weltberühmtheit – die Guacamole-Sauce, ein cremiges Gemisch aus Avocado-Fruchtfleisch mit Knoblauch, Limette, Öl, Salz, Pfeffer und einer Prise Chili. Die Chancen stehen dabei gut, dass sie aus Avocados aus dem mexikanischen Bundesstaat Michoacán stammt. Laut Schätzungen werden nämlich dort 60 Prozent aller Avocados weltweit produziert. Dank reichlichem Regen, viel Sonnenschein und einem Boden vulkanischen Ursprungs wachsen die Avocados besonders gut. Das hat vor gut zehn Jahren die Aufmerksamkeit der Drogenkartelle geweckt, um die Einnahmen aus Drogen zu waschen und diversifiziert zu investieren.

 

Michoacán wurde dadurch zum Eldorado des grünen Goldes, wie die rasch wachsenden Avocados auch bezeichnet werden. Laut dem mexikanischen Wirtschaftsministerium wurde im vergangenen Jahr mit Avocados ein Umsatz von 2,4 Milliarden Franken erzielt. Am Anfang stand das Kartell der Los Caballeros Templarios, das vom Kartell Los Viagras verdrängt wurde. Heute werden in Mexiko 30 Avocado-Sorten kultiviert, was mit dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko (NAFTA, heute USMCA) zusammenhängt. Bis 1997 wurden nämlich mexikanische Avocados aus Angst vor Schädlingsbefall vom US-Markt ferngehalten. Mit dem Wegfall dieser Schranke erfuhr der Avocado-Anbau einen enormen Aufschwung. Heute gehen vier Fünftel der Avocado-Produktion in Mexiko in die USA und nach Kanada. Der Bundesstaat Michoacán wurde im wahrsten Sinne des Wortes auf den Avocado-Anbau umgepflügt.

 

Der Avocado-Boom hat den Obst- und Gemüsemarkt auf den Kopf gestellt − zulasten der Kleinbauern. Drohungen, Erpressungen und Auferlegung von Schutzgeldern haben den Avocado-Anbau unter der Kontrolle der Kartelle monopolisiert. So erzielen die Kartelle aus dem Avocado-Anbau laut Schätzungen einen Nettogewinn von 135 Millionen Franken im Jahr. Das Herz der Produktion liegt in Uruapan, eine Stadt mit 300 000 Einwohnern. Hier haben die Kartelle mit ihren bewaffneten Männern das Sagen: die Jalisco Nueva Generación und die Sinaloa-Gruppe. Ausgestattet mit Waffen und gepanzerten Fahrzeugen legen sie fest, was gilt. Sie kontrollieren den Handel mit Marihuana, Kokain und Methamphetamin, die Prostitution und den Avocado-Anbau.

 

Die Bedrohungslage ist so gross, dass im vergangenen Juni eine Gruppe von Avocado-Bauern Inserate in mehreren nationalen Zeitungen schaltete, um auf die «irreparablen Auswirkungen» auf den Agrarbau aufmerksam zu machen und den Staat zu mobilisieren. Lokale Medien berichteten, dass Beamte am helllichten Tag angegriffen worden seien, während man andere Mitarbeiter eingeschüchtert habe, nachdem sie sich geweigert hätten, einem lokalen Avocado-Produzenten eine Exportbewilligung auszustellen.

 

Die schlimmsten Folgen der Avocado-Mafia spiegeln sich jedoch in der Umwelt. Zu den Schäden, die durch die Abholzung von Wäldern für den intensiven Anbau entstehen, kommt ein gravierendes Wasser-Problem hinzu. Die Avocados benötigen für ihr Wachstum viel Wasser, das in Mexiko ohnehin knapp ist. Ein Kilo Avocado benötigt 544 Liter Wasser. Durch die enormen Monokulturen geraten ganze Gebiete in einen Wasserstress. Die natürliche Wasserverteilung funktioniert nicht mehr. Zudem führen die Monokulturen zu erheblichen Gasemissionen und CO2-Ausstössen durch die auf einen Raum konzentrierten Transporte mit Lkw.

 

Denn mehr als drei Viertel der mexikanischen Avocado-Produktion von 2, 2 Millionen Tonnen pro Jahr finden im Bundesstaat Michoacán statt. So ist die Avocado-Produktion für 30 bis 40 Prozent der jüngsten Abholzung in Michoacán verantwortlich. Diese lokalen Wälder sind wichtig für die Artenvielfalt und für die Wassereinzugsgebiete, die die lokalen Gemeinden und Mexiko-Stadt mit Wasser versorgen. Die Plantagen wurden bereits illegal auf geschützte Gebiete ausgedehnt, wo die einheimische Vegetation für das Überleben der Insekten von grösster Bedeutung ist. Denn die Monokultur Avocado und der intensive Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sind direkt für das Insektensterben verantwortlich.

 

Da die internationale Nachfrage nach Avocados weiter steigt, geht der Ausbau der Monokulturen entsprechend weiter. Im Jahr 2018 lag der Produktionswert pro Hektar Avocadobäume bei knapp 7000 Franken, fast viermal so viel wie vor zehn Jahren. Und es ist unwahrscheinlich, dass irgendeine andere Einzelkultur mit dem Ertrag von Avocado-Plantagen konkurrieren kann. Auf der Marktseite sollten deshalb Instrumente eingeführt werden, um gute landwirtschaftliche Praktiken belohnen zu können. Das wäre mit nachhaltigen Zertifizierungssystemen möglich, damit Verbraucher die Wahl erhalten, trotz Avocado-Konsum die Umwelt zu schonen, zum Beispiel mit dem Kauf von Avocados aus abholzungsfreier Produktion.

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