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Achtsamkeitsimpuls
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Achtsamkeitsimpuls

Vor allem Männer, die sich für besonders intelligent erachten, markieren gerne Unzerbrechlichkeit. Fragilität erscheint ihnen als Schwäche. Aber das Gegenteil davon ist im sozialen Umgang der Fall. Wer unverletzlich spielt, ist oft ein armer Schwächling.   

von Anton Ladner

 

 

Nennen wir ihn hier Markus Klein. Er ist Rechtsanwalt und liebt es, sein gutes Netzwerk zu betonen. «Ich bin dort bestens bekannt» oder «Ich kann Ihnen schon die eine oder andere Tür öffnen», lauten seine wiederkehrenden Sätze. Bei Klein folgen den grossen Worten aber keine Taten. Es genügt ihm, mit Traktandenlisten und Gesprächsterminen über seine effektive Untätigkeit hinwegzutäuschen. So verschiebt er Lösungen von einem Treffen auf das andere, bauscht eingeforderte Unterlagen zur grossen Bedeutsamkeit für Entscheide auf und ignoriert sie dann, sobald sie vorliegen. Klein will gross spielen, liefert aber nicht. Das führt bei seinen Kontakten früher oder später zu Irritationen, Kritik und auch Angriffen. Dann lächelt Markus Klein und erklärt: «Wissen Sie, ich bin das gewohnt. Das prallt alles an mir ab.»

 

Klein ist stolz darauf, den Unzerbrechlichen zu markieren, als sei das eine Qualität. Im sozialen Umgang verbergen sich in der Verletzbarkeit die Werte der Sensibilität und Zartheit, der Güte und der Würde. Wenn man alles an sich abprallen lassen will, versperrt man sich schlicht den Mitmenschen und dem ganzen Leben.

Erst eine gewisse Fragilität ermöglicht es, sich leidenschaftlicher mit den Emotionen und den existenziellen Seinsweisen anderer zu identifizieren. Zerbrechlichkeit ist deshalb ein Schlüsselwort in der sozialen Selbstfürsorge, weil sie die Voraussetzung ist, wenn man nicht scheinlebendig durchs Leben will. Viele Objekte erlangen ihre Kostbarkeit durch ihren fragilen, zerbrechlichen Zustand.

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In Austern entstehen Perlen nur aus einer Beeinträchtigung der inneren Oberfläche. Unzerbrechlich erscheinen zu wollen basiert auf einer kindlichen Allmachtsillusion. Deshalb meinen kleine Kinder ja, man sehe sie nicht, wenn sie die Augen schliessen. Was bei Kindern noch rührend und liebenswert wirkt, ist bei einem erwachsenen Menschen, wie Rechtsanwalt Klein, aber nur Ausdruck von notdürftig kaschierter Schwäche.

 

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