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Ohne Verzicht wird es nicht gelingen

 

Allmählich frage ich mich, worüber ich noch sprechen werde, sollte das alles beherrschende Thema COVID-19 einmal wegfallen. Wir wissen, dass ohne die Viren, die millionenweise unseren Körper bevölkern, die Existenz der Menschen nicht denkbar wäre. Wir wissen längst auch, dass es welche gibt, die − völlig gegen ihr ‹‹Interesse» − dem Wirt, den sie befallen, manchmal den Tod bringen. Nicht ganz klar ist, ob sie sich vom Sterbenden noch rechtzeitig absetzen oder mit ihm zugrunde gehen … doch davon wollte ich ja gar nicht schreiben, immer schiebt sich dieses Allerweltsthema vor das Gedachte. Eigentlich geht es hier um etwas komplett anderes. Oder doch nicht? Mal sehen:

 

Als junger Vater, damals, wollte ich aus meinen zwei Kindern grosse Persönlichkeiten formen: Nobelpreisträger (Literatur …), Wirtschaftsführer, Bundesrat … Das ging natürlich nicht ohne hohe Forderungen, Zwang, Leistungsdruck. Da gerieten mir die Bücher von Remo Largo in die Hände und gleich fiel es mir, wie es so schön heisst, wie Schuppen von den Augen und ich sah: Zur wahren Entfaltung eines Kindes braucht es Vertrauen auf die in ihm schlummernden eigenen Möglichkeiten, auf die original Natur des Kindes und damit eine wohlwollende Haltung der Gelassenheit, kein ständiges Dazwischenfahren, Korrigieren, keine Enttäuschung, Unzufriedenheit, wenn es nicht so kommt, wie man selber will.

 

Bald einmal fand ich, weshalb nicht eine so entkrampfte Haltung gegenüber den Kindern auch den Erwachsenen, der Öffentlichkeit schlechthin, der Politik gegenüber einnehmen? Den Mitmenschen ernst nehmen, ihn gewähren lassen, auf die in der Regierung schlummernden Kräfte vertrauen, zuversichtlich bleiben gegenüber den schweizweit wirkenden Verbänden, Kommissionen, Organisationen. Die werden es schon richtig machen, keine Unzufriedenheit, wenn es nicht so kommt, wie man selber will, gelassen bleiben, nicht ständig dazwischenfahren wollen, es wird schon gut kommen …

 

Und schon zeigte sich mir, dass es nicht sinnvoll sein konnte, die von Remo Largo empfohlene Haltung gegenüber dem Kind auf die Gesellschaft zu übertragen. Es gibt einen fundamentalen Unterschied: die partikularen Interessen! Oh, nicht dass das Kind keine partikularen Interessen hätte. Doch was ist ein solches Interesse gegen das, na … zum Beispiel eines Konzerns, eines Dachverbands, einer politischen Organisation, der Lobbyisten?

 

Meine Vorstellung, Remo Largos Theorien zur Pädiatrie und Pädagogik übertragen zu wollen auf die Gesellschaft insgesamt, ist nicht vereinbar mit seiner Gesinnung. In seinem letzten Buch, ‹‹Zusammen leben» kritisiert er dezidiert das falsche Leben (ah!) in unserer Zeit. Die Politik tut zu wenig für den Klimaschutz, zu wenig gegen das Auseinandergehen der Schere von Arm und Reich (er sprach sich unter anderem für das ‹bedingungslose Grundeinkommen› aus). Nichts von Gewährenlassen, es gilt sich einzumischen, Solidarität statt Privilegien, mit dem Ziel, Organisationsformen zu verwirklichen, die ein gerechtes Zusammenleben im Staat begünstigen.

 

Vor seinem Tod in diesem Jahr hatte sich Remo Largo auch zum Allerweltsthema, zur gegenwärtigen Pandemie, geäussert. Zwar nicht zu den Anordnungen der Massnahmen des Bundesrats und der Kantone. Aber ganz grundsätzlich zum Verhalten der Menschen zur Natur, zum Krankmachenden als Folge einer solch eigennützigen Haltung. Es brauche einen Systemwechsel. Für mich heisst das: wegkommen von unserem masslosen Konsum, von den durch partikulare Interessen gegängelten Bedürfnissen, vom Profit-Generieren auf Kosten der Umwelt, der Natur.

 

Es war verfehlt, vom Vertrauen auf das Gute im Kind kritiklos abzuleiten auf das Gute in den Erwachsenen. Rousseau meinte in seinem Erziehungsbuch ‹Emile›: ‹‹Tout est bien sortant des mains de l’Auteur, tout dégénère entre les mains de l’homme.» Die Politik und wir alle sind gefordert, sich für das sogenannte Gemeinwohl in einer intakten Umwelt und Natur einzusetzen. Ohne Verzicht auf viel Liebgewonnenes wird es nicht gelingen.

Georges Wieland ist promovierter Deutschlehrer und seit der Pensionierung Schriftsteller in Zürich. Soeben ist sein fünfter Roman «Falsches Leben» im IL-Verlag in Basel erschienen.

 

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