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Anne Challandes
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Jetzt endlich ich

Endlich komme ich wieder einmal zu Wort. Seit Jahren (ich zähle sie nicht mehr) ignoriert mich die Öffentlichkeit an der Bundesfeier, an meinem 1. August. Das ist schon kränkend. Da feiert sich die Schweiz ohne mich. Dabei wird mein Name in einigen Landessprachen als Bezeichnung für die Schweiz verwendet. Nicht nur in Polen oder Rumänien. Ich bin seit 1672 die Identifikationsfigur der Eidgenossenschaft, geschaffen von Johann Caspar Weissenbach, weitergetragen von einem Heer von Künstlern, die mich zum Symbol der Einheit der Eidgenossenschaft perfektionierten. Ich hielt das Land zusammen, als die konfessionellen Streitigkeiten tobten. Als 1848 der schweizerische Bundesstaat gegründet wurde, übernahm ich die Verantwortung als Nationalallegorie, als nationale Personifikation. Wer sich am 1. August eine Bratwurst an einem Stand leistet, kommt auch heute kaum an mir vorbei, denn ich wache auf der Rückseite der Münzen.

Zum Zahlen bin ich also noch gut genug, zum Feiern jedoch schon lange nicht mehr. Aber als starke Frau bleibe ich stehen. Ich will Vorbild sein für die vielen Frauen in der Schweiz. Denn ich habe einen guten Einblick in die Haushalte. Die Frauen arbeiten, besorgen den Haushalt, kümmern sich um die Kinder und ihren Mann, was für viele einfach selbstverständlich ist. Gut, am Muttertag bekommen sie das Frühstück ans Bett serviert. Danach müssen sie aber die angerichtete Unordnung selber aufräumen. Denn Frauen in der Schweiz geht es zu einem grossen Teil wie mir. Es ist selbstverständlich, dass sie rund um die Uhr da sind, ihre Aufgaben erfüllen und zudienen dürfen.

Genug gejammert. Mir, als Mutter der Nation, liegt am Herzen, dass mehr Freude am Finden von politischen Kompromissen aufkommt. Ohne Herabsetzung des Gegners, ohne Diffamierung von Ideen. Denn der Kompromiss hat die Schweiz zu einem Erfolgsmodell gemacht, das sie nach wie vor ist. Aber gute Kompromisse brauchen eine politische Kultur des Anstandes. Eine anständige Politik im doppelten Sinne. So wie mit den Nachbarn im persönlichen Umfeld umgegangen wird, sollte auch auf Bundesebene agiert werden. Ich bin mir sicher, in der Schweiz mag man nicht die Polarisierung, die Gehässigkeit, die Diffamierung, sondern den guten Kompromiss. Ich wünsche allen als Mutter der Nation einen friedlichen 1. August mit mehr Freude an Kompromissen!

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