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volodymyr hryshchenko
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Um die vier Millionen Menschen leben am oder nördlich des Polarkreises. Frisches Gemüse und Salat sind in diesen ungastlichen Gegenden purer Luxus. Zahlreiche Initiativen wollen die Versorgungslage mit neuen technischen Lösungen verbessern. Denn der Klimawandel bedroht die perfekt angepasste angestammte Lebensweise indigener Volksgruppen, die vermutlich seit 10 000 Jahren im hohen Norden zu Hause sind. 

von John Micelli

Das Lieblingskind der Medien ist gescheitert: Wenn immer in den letzten Jahren über die Produktion von Grünzeug in der Arktis berichtet wurde, stand Benjamin Vidmar im Zentrum. Der Koch und Gründer von Polar Permaculture hatte sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Nicht nur wollte er Private und Gastronomie in Longyearbyen mit frischem Salat, Kräutern und Gemüse aus lokalem Anbau beliefern. Seine neu entwickelten Produktionsanlagen sollten ausserdem auch unabhängig von fossilen Energieträgern funktionieren, weder Fungizide noch Pestizide benötigen und auch nicht auf den Import von Nährstofflösungen angewiesen sein. Dabei gilt Longyearbyen als die nördlichste grössere Siedlung der Welt. Knapp 2500 Menschen leben auf der zu Norwegen gehörenden Inselgruppe Spitzbergen, rund 2000 von ihnen in der Hauptstadt knapp über dem 78. nördlichen Breitengrad, wo die Jahresdurchschnittstemperatur -6,7 Grad Celsius beträgt und die Polarnacht von Ende Oktober bis Mitte Februar dauert. Spitzbergen war jahrhundertelang Energielieferantin für die Industrialisierung in gemässigten Klimazonen: Im 17. und 18. Jahrhundert machten England, Frankreich und die Niederlande vor den Küsten Jagd auf Meeressäuger für das kostbare Walöl.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden rund um Longyearbyen zahlreiche leicht zugängliche und ergiebige Kohlevorkommen entdeckt. Die Kohleminen und die Walbestände sind mittlerweile erschöpft. Longyearbyen lebt heute von der Forschung und vom Tourismus. 30 000 Besucherinnen und Besucher empfängt der Küstenort jährlich, die sich in über 20 Hotels und Restaurants verpflegen lassen können. Doch obwohl der Import von frischen Lebensmitteln massiv auf den Preis schlägt und die Ware oft schon verdorben ist, wenn sie ankommt, scheint Vidmar die Nachfrage überschätzt zu haben. Am Telefon gibt er sich zugeknöpft, will den Konkurs von Polar Permaculture nicht kommentieren. «Ausdauer ist der Schlüssel zum Anbau von Nutzpflanzen in der Arktis», erklärte der Pionier noch im vergangenen Jahr auf der Nachrichten-Plattform Arctic Today, «wir wollen die Menschen wieder mit der Natur und natürlichen Lebensmitteln in Einklang bringen und ihnen helfen, hier auf der Insel besser und nachhaltiger zu leben.» Aber wie es scheint, braucht es mehr als Ausdauer und Medieninteresse für einen Erfolg dieses schwierigen Unterfangens.  

 

Hunger in Kanada 
3000 Kilometer weiter westlich verfolgen Stefany Nieto und Benjamin Canning ähnliche Ziele wie Vidmar auf Spitzbergen. Während des Studiums an der kanadischen Ryerson University besuchten die beiden Naujaat, eine Ortschaft mit knapp 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern auf 66 Grad Nord im Territorium Nunavut. Erster Europäer in der Repulse Bay – die «Bucht der Abweisung» – war der Brite Christopher Middleton, der 1742 dort auf der Suche nach der Nordwestpassage – der Seeweg, der nördlich des amerikanischen Kontinents den Atlantischen und den Pazifischen Ozean verbindet – in einer Sackgasse landete. Der Nordwesten der Hudson Bay aber ist seit Jahrhunderten Siedlungsgebiet der Inuit, die auch heute noch 95 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Lebensmittelpreise in Naujaat verschlugen den beiden Wirtschaftsstudenten aus Toronto die Sprache – sie sind drei Mal so hoch wie im landesweiten Durchschnitt. 45 Prozent der Bevölkerung des Territoriums, in dem die Hälfte der kanadischen Inuit lebt, haben keinen verlässlichen Zugang zu frischen, bezahlbaren Lebensmitteln. «Manche Eltern lassen eigene Mahlzeiten ausfallen, um ihre Kinder bedarfsgerecht zu ernähren», erzählt Nieto von den Missständen, die sie zum Handeln bewegten.

Die Aktivistin Leesiee Papatsie erklärt im Interview mit der Zeitschrift Chatelaine, dass im Norden Kanadas längst Menschen aufgrund von Mangelernährung sterben würden, wären traditionelle Familien- und Clanstrukturen der indigenen Bevölkerung nicht auf Ausgleich bedacht: «Geld spielte für uns nie eine Rolle, dieses Konzept kam erst vor knapp 100 Jahren hierher. Jetzt haben wir uns den neuen gesellschaftlichen Anforderungen angepasst, bemühen uns aber gleichzeitig, unser Erbe zu bewahren.» Die Wildbestände allerdings sind zurückgegangen und der Klimawandel erschwert die Jagd auf dem Eis. Deshalb wird die Abhängigkeit von Lebensmitteln, die per Schiff oder Flugzeug aus dem Süden gebracht werden, immer grösser. Mit der Non-Profit-Organisation Green Iglu wollen Nieto und Canning den Selbstversorgungsgrad in Nunavut erhöhen. Die von ihnen entwickelten Hightech-Gewächshäuser in Kuppelform halten Windgeschwindigkeiten bis 180 Kilometer pro Stunde aus und sind bis zu zwei Meter Schnee gewachsen. Dank beschichtetem Glas heizt die Sonne das Innere auf angenehme 20 bis 25 Grad – wenn sie denn scheint: Für die Polarnacht tüfteln die Forscherinnen und Forscher noch an einer Lösung. Im ersten Betriebsjahr 2018 konnten 250 Salat- und 350 Kohlköpfe geerntet werden, dazu Rettich, Broccoli, Tomaten, Gurken und Erbsen in kleineren Mengen. «Nach zwei Stunden waren unsere Lager komplett ausverkauft», erinnert sich Nieto. Im Jahr darauf ist an drei verschiedenen Standorten im Territorium bereits Gemüse im Wert von fast 10 000 Franken gewachsen. Seither konnte Green Iglu seine Aktivitäten weiter ausdehnen – auch dank der mit einer Viertelmillion Franken dotierten «Impact»-Auszeichnung des Google-Konzerns –, blieb aber in engem Kontakt mit der indigenen Gemeinschaft. Denn den Bedarf der Inuit soll das Projekt ja schliesslich decken.  

 

Salat im Kunstlicht 
Auch die Grönländerinnen und Grönländer – in der Landessprache «Kalaallit» genannt – sind Nachkommen der Inuit. Und sie teilen das Schicksal ihrer kanadischen Nachbarn: Frische Ware ist teuer und nach dem langen Transport auf die selbstverwaltete, aber zu Dänemark gehörende Insel im Nordatlantik oft unansehnlich, fast ein Drittel sogar verdorben. «In unserer Familie versuchen wir uns so abwechslungsreich und vielseitig zu ernähren wie möglich, weil wie wissen, dass es gesund ist», erzählt Michael Lynge Heretis in einem in diesem Jahr am Close:Up Reykjavik Film Festival ausgezeichneten Dokumentarfilm, «aber auf Grönland wächst nichts wild ausser Heidel- und Sumpfbrombeeren.» Deshalb habe er 2015 zusammen mit Freunden in der Hauptstadt Nuuk das kleine Unternehmen gegründet, das auch dem Film den Namen gab: «Arctic Greens». Gut 18 000 Menschen leben in der mit Abstand grössten Stadt Grönlands knapp unter dem Polarkreis. Wie Nieto und Canning setzen Heretis und seine Mitstreiter auf Hydroponics – also Hors-sol-Produktion –, bei der die Pflanzen in einer Nährlösung gehalten werden. Sickerwasser wird aufgefangen und wiederverwertet. Aber Salat und Gemüse auf Grönland wachsen im Gegensatz zu den kanadischen Produkten ohne natürliches Licht unter UV-Lampen in ausgedienten Schiffscontainern, die für diesen Zweck umgerüstet wurden. 

Strom und Wärme für die energieintensive Anlage liefert die Kehrichtverbrennungsanlage von Nuuk, die dem Start-up Sonderkonditionen eingeräumt hat. 300 Salatköpfe liefert das KMU derzeit wöchentlich dem lokalen Supermarkt, die jeweils reissenden Absatz finden, obwohl sie zum selben Preis verkauft werden wie die importierte Ware. Sie hofften, den Preis mit der Zeit senken zu können, erklärt Heretis, der davon träumt, dass bald auch in kleineren und kleinsten Siedlungen auf ganz Grönland eines seiner Gewächshäuser stehen wird. Die Samen bezieht Arctic Greens derzeit aus Dänemark, Technologie und Nährlösung aus Alaska, wo sich in der grössten Stadt Anchorage das Unternehmen VH Hydroponics auf die Zucht von Nutzpflanzen unter extremen Bedingungen spezialisiert hat. Aber auch in diesem Bereich soll die Abhängigkeit reduziert werden: Vielversprechend seien erste Experimente verlaufen, die Nährlösung aus in Grönland reichlich zur Verfügung stehenden Braunalgen selbst herzustellen, berichtet Heretis, leider aber würden ihnen die Zeit und die Ressourcen fehlen, die gewonnenen Erkenntnisse rasch zu vertiefen. Daher trifft es sich gut, dass Politik und Wirtschaft in Grönland aufmerksam geworden sind auf die Aktivitäten dieser Pioniere und sie nach Kräften unterstützen. Denn von einem Schub für die Versorgungssicherheit und einer Reduktion von umweltbelastenden Transporten in diesen sensiblen Gebieten könnte die gesamte Polarregion profitieren.

 

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