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Achtsamkeitsimpuls:

 

Derzeit ist man mehr als üblich mit sich selber. Dann kann das eigene Ich manchmal auch zu viel werden. Etwas Abstand tut gut – eine Art Kurzferien vom Ich.

von Anton Ladner

 

 

Selbstfürsorge klingt gut, aber Selbstdistanz wirkt kalt, als ob das eigene Ich im Stich gelassen würde. Schon vom Begriff her ist deshalb Selbstdistanz ein schwieriges Unterfangen. Der faszinierende österreichische Psychiater Viktor Frankl prägte den Begriff Selbstdistanzierung. Er meint damit die Fähigkeit einer Person, von sich Abstand zu nehmen, um sich gegenüberzutreten.

Das Ich wird zu einer Art Du. «Der Mensch muss sich nicht alles gefallen lassen, auch nicht von sich selbst», fasste Frankl die Wirkungsweise der Selbstdistanzierung wunderbar zusammen. Man kann sich also auskoppeln und seinen Stimmungen, Depressionen und Ängsten quasi von aussen gegenübertreten. Für Frankl stand fest, dass dieser Abstand zu sich einen inneren Freiraum eröffnet, der eine bessere Selbstwahrnehmung und Auseinandersetzung mit sich ermöglicht. Kurz: Wer Abstand zu sich nimmt, kommt sich näher.

Aber wie schafft man Distanz zu sich?
Das kann mit einem inneren Gespräch erfolgen, mit Humor über sich, aber auch mit der leidenschaftlichen Vertiefung in eine Tätigkeit, zum Beispiel schreiben, den Keller aufräumen oder spazieren im Sinne von sich entfernen. Eine Bachelorarbeit an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften trägt den aufschlussreichen Titel: «Die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung als Schlüsselqualifikation für Lebenserfolg.» In diesem Kontext klingt Selbstdistanz schon viel besser. Der österreichisch Psychotherapeut Alfried Längle betonte die Notwendigkeit der Selbstdistanzierung auf poetische Weise: «Um den existenziellen Sinn zu finden, bedarf es einer speziellen Haltung sich selbst und der Welt gegenüber.

Diese verlangt eine gewisse Distanz zu sich, damit die Welt in ihrer Eigenwertigkeit in das Blickfeld treten kann.» Wer also Abstand nimmt zu sich, gewinnt die Welt. Bedingt durch Corona ist das jetzt aber eindeutig schwieriger, weil viele Möglichkeiten zur Selbstdistanz wie Theater, Museum, Kino oder Reisen fehlen. Aber mit etwas Fantasie gelingen immer noch wohltuende Kurzferien von dem eigenen Ich.

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