Kundendienst: Tel. 056 203 22 00 kundendienst@diemedienag.ch
Soziale Selbstfürsorge
  • Facebook
  • Twitter

Achtsamkeitsimpuls

Derzeit gibt es einige Gründe, traurig zu sein. Bedingt durch die Massnahmen gegen die Ausbreitung der COVID-19-Infektionen bleibt das Leben weiter eingeschränkt. Doch Traurigkeit darüber zu zeigen ist ein Tabu. Denn Traurigkeit gilt im sozialen Kontakt als unproduktiv. Das ist ein Irrtum.

von Anton Ladner

 

 

Traurigkeit wird recht unterschiedlich empfunden, aber ziemlich einheitlich als nutzlos gesehen. Es bringe doch nichts, darüber traurig zu sein, lautet ein weitverbreiteter Trostsatz. Gegenüber der Traurigkeit besteht ein grosses Misstrauen, weil sie schwer erfassbar bleibt. Sie kann überwältigen, für wenige Sekunden oder einige Tage, lähmen oder Energie generieren. Die Traurigkeit agiert jenseits der Vernunft, was als unheimlich empfunden werden kann. Denn sie kommt und geht, wie sie will. Man kann sie nicht festhalten und auch nicht wegschicken. In sozialen Kontakten wird deshalb Traurigkeit gerne heruntergespielt.
Man will andere damit nicht belasten, sich nicht als instabil oder depressiv zeigen und als unproduktiv gelten. Traurigkeit hat deshalb einen schweren Stand in Beziehungen. Auch in der Beziehung eines Menschen zu sich selber. Zu einer guten Selbstfürsorge gehört aber, sich dieser Traurigkeit hinzugeben.

Denn Traurigkeit schafft oft Klarheit, eine kurze Sicht in die Seele auf die Wahrheit. Dass man zum Beispiel einem Phantom nachgerannt ist, eine tiefe Liebe empfindet oder jenen Entscheid tief bereut. Die Traurigkeit lässt reine Gedanken aufsteigen, manchmal sogar klare Zukunftsideen. Das kann auch in einem Gespräch über die eigene Traurigkeit der Fall sein. Da können sich neue Erkenntnisse über sein Gegenüber eröffnen − positive wie negative.

Klarheit
  • Facebook
  • Twitter
Die eingestandene, angesprochene Traurigkeit hat die Kraft eines Katalysators − manchmal nur für wenige Sekunden. Das sind dann die aufblitzenden Wahrheitsmomente. Sie können Illusionen zerreissen, Haltungen kippen und dadurch den Weg weisen. Wenn die Traurigkeit kommt, dann ermöglicht sie es, das Sein zu intensivieren, indem es breiter wird. Die Traurigkeit ist somit viel fruchtbarer, als ihr Ruf vermuten lässt. Deshalb ist die Traurigkeit im menschlichen Leben eine Selbstverständlichkeit – auch wenn das Gegenteil davon hochgehalten wird.
Share This