Kundendienst: Tel. 056 203 22 00 kundendienst@diemedienag.ch
volodymyr hryshchenko
  • Facebook
  • Twitter

Mit über 60 Prozent stellt die Generation der unter 25-Jährigen die grösste Bevölkerungsgruppe in Subsahara-Afrika. Doch die Mehrzahl der afrikanischen Regierungen holt die jungen Menschen nicht ab. Wird das zum politischen Zündstoff? Denn 49 Staaten Subsahara-Afrikas sind jünger als 25 Jahre.

von Anna Reismann und Benno Müchler

Ende August 2021 wurde Hakainde Hichilema als siebter Präsident Sambias vereidigt. Das Land gehört zu den stabilsten Demokratien des afrikanischen Kontinents. Nicht alle, aber viele Wechsel an der Staatsspitze von Afrikas zweitgrösstem Kupferproduzenten fanden seit der demokratischen Öffnung 1990 durch freie und faire Wahlen statt. Dreimal löste die Opposition die Regierung ab. Auch diese Wahl reiht sich in die für Afrika eher ungewöhnliche Bilanz ein, obwohl kurzzeitig die Sorge bestand, dass der unterlegene Amtsinhaber Edgar Lungu die Zügel nicht freiwillig abgeben würde, als er das Ergebnis zunächst nicht anerkannte.

Hichilema, der Vorsitzende der sozialliberalen Partei UNDP (United Party for National Development), wurde massgeblich durch die junge Generation zum Sieg getragen. «Belly», so der Spitzname Hichilemas, «will fix it» (Belly wird es richten), lautete eine bekannte Wahlkampfparole. Nach dem Wahlsieg ist nun die Erwartung in der jungen Generation gross, dass Belly liefern wird. Die Jugendarbeitslosigkeit steht offiziell bei rund 22 Prozent. Die Inflationsrate Sambias liegt bei 25 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt ging 2020 um drei Prozent zurück.

Über mangelnde Aufmerksamkeit auf dem Papier und in Wahlkampfreden kann sich die Jugend Afrikas nicht beklagen – weder in Sambia noch in anderen Ländern. Rund 60 Prozent der Bevölkerung der 49 Staaten Subsahara-Afrikas sind jünger als 25 Jahre. Gefürchtet und umgarnt zugleich, bieten sie Regierungen und Opposition ein Potenzial, um das diese auch genau wissen. Abgeholt werden die Jungen jedoch meist von beiden nicht. Versprechungen verpuffen. Korruption hat Bestand. Ein Mentalitätswechsel tritt nicht ein. Die maroden Volkswirtschaften verharren in ihrer grossen Mehrzahl in alten Mustern und fangen die demografische Entwicklung ihrer Länder nicht auf. So nutzt der Kontinent seine vielleicht wichtigste Ressource nicht, die ohne Perspektive bleibt. Stattdessen wachsen Armut und Migrationsdruck. Extremisten haben leichtes Spiel.

Wer durch die Hauptstädte und das Hinterland des Kontinents reist, kennt die Bilder: In Addis Abeba verkaufen Strassenkinder aus hölzernen Bauchläden Kaugummi und Schokoladenkekse. Zwischen den parkenden Autos im Fährhafen von Daressalam machen junge Männer mit ihrem Mund ein Quietschgeräusch und bieten Wasser aus kleinen Plastiksäckchen feil. Auf dem Dorf in der Elfenbeinküste gibt es meist nicht viel mehr Abwechslung als den Fussballplatz. Junge Mädchen helfen im Haushalt, die Jungen auf dem Feld und in der Kakaoplantage. Zwar wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten Grund- und Hochschulbildung auf dem Kontinent stark ausgebaut, doch für all die Schulabgänger und Diplomierten gibt es nicht genug Arbeitsplätze.

Auch in Uganda sieht das Bild ähnlich aus. Das Jahr 2021 begann in dem ostafrikanischen Binnenland mit der Bestätigung des seit 35 Jahren regierenden Präsidenten Yoweri Museveni im Amt. Bei seinem ersten Amtsantritt waren die meisten Bürger noch nicht geboren: 46 Prozent der Bevölkerung sind 14 Jahre alt oder jünger und über drei Viertel sind unter 35 Jahre alt. Wie in Sambia prägte die junge Generation auch in Uganda den Wahlkampf. Der Wunsch nach einer Veränderung im zweitjüngsten Land der Welt mit einem Altersdurchschnitt von aktuell 15,8 Jahren ist gross und deutlich spürbar. Insbesondere unter den jungen Leuten besteht die Bereitschaft zu einem radikalen Wandel. Es fehlen Arbeitsplätze. Der demografische Druck wächst und wächst. Seit Beginn des Millenniums verzeichnet Uganda ein konstantes Bevölkerungswachstum von über drei Prozent. Sollte der heutige Trend von 3,7 Prozent anhalten, wird sich die Bevölkerung von zurzeit 47 Millionen in weniger als 20 Jahren verdoppeln. Schon jetzt strömen immer mehr Menschen in die Städte. Die damit verbundenen Hoffnungen, Erwartungen, aber auch Enttäuschungen ob der nicht erfüllten Wünsche sind gross.

Diese Stimmung konnte im Wahlkampf am besten Robert Kyagulanyi Ssentamu – besser bekannt unter seinem Künstlerpseudonym Bobi Wine – für sich nutzen. Dem in den Strassen omnipräsenten Wahlversprechen des Präsidenten, die Zukunft zu sichern, stellte der 40-jährige ehemalige Musiker seinen simplen, aber drastischen Hashtag #WeAreRemovingADictator (wir beseitigen einen Diktator) entgegen und mobilisierte auf diesem Wege zahlreiche Anhänger in den sozialen Medien. Die heftige, aber kurze Welle seiner Popularität sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch er nicht in der Lage war, konkrete Lösungen für die jungen Ugander anzubieten. Er reiht sich in die Linie von Politikern ein, die einfache Lösungen für komplexe Herausforderungen versprechen. Wenn, wie so oft nach einem Wahlsieg, die Versprechungen nicht mit Leben gefüllt werden, bleibt die Jugend enttäuscht zurück und verliert zu Recht den Glauben an die Politik.

Eine Charta für die Jugend
Um die Lage der Jugend auf dem Kontinent zu verbessern, nahm die Afrikanische Union (AU) das Thema vor 15 Jahren auf ihre Agenda. Die AU kann zwar keine Arbeitsplätze schaffen, jedoch ihre Mitgliedstaaten dazu anregen, Politiken zu formulieren, die stärker auf die Interessen und Bedürfnisse der Jugend ausgerichtet sind. 2006 verabschiedeten die AU-Mitgliedstaaten bei ihrer Vollversammlung in Banjul, Gambia, die bis heute gültige Afrikanische Jugend-Charta (African Youth Charta). Das Dokument war im Lichte der Millennium Development Goals entstanden, welche neben der Beseitigung extremer Armut und extremen Hungers unter anderem zu einer flächendeckenden Grundschulbildung sowie zu einem Rückgang der Geburtensterblichkeit beitragen sollten.

Eine Kernforderung der Charta ist es, dass alle AU-Mitgliedstaaten eine nationale Jugendpolitik entwickeln sollen. Die AU möchte ihre Rolle als Koordinator wahrnehmen, den Wissensaustausch zwischen den Mitgliedstaaten fördern und ihrerseits mehr Angebote der Teilhabe innerhalb der Organisation schaffen. Fast vier Jahre dauerte es, bis das Dokument in Kraft trat, obgleich dafür nur die Ratifizierung durch 15 Mitgliedstaaten nötig war. Von 55 AU-Mitgliedstaaten haben es bis heute 39 ratifiziert.

Wer ist die afrikanische Jugend?
Das heutige Afrika ist ein anderes als zur Stunde der Entkolonialisierung. Somit sind auch die Einstellungen, Prioritäten und Ziele der heutigen Jugend andere als die der Gründungsväter. «Für sie war das Ziel die Unabhängigkeit. Doch wir wollen einen Kontinent ohne Grenzen. Wir wollen E-Governance. Wir wollen das Internet für Innovationen nutzen. Wir wollen E-Commerce. Wir wollen Handel treiben», sagt etwa Aya Chebbi, bis vor Kurzem Jugendbeauftragte der AU. Die Position wurde im Zuge des Dekaden-Aktionsplans geschaffen und soll zu einer stärkeren Öffentlichkeit für die Jugend in Afrika beitragen. Die tunesische Social-Media-Aktivistin Chebbi ist bekennende Feministin. Jung, weiblich, kämpferisch, das sieht öffentlich gut aus. Aber repräsentiert das auch die Jugend Afrikas? Und sind es die Dinge, die Chebbi in einem Interview mit der Voice of America aufzählt, die die afrikanische Jugend wirklich möchte?

Das Bild einer technikaffinen, jungen afrikanischen Generation, die schicke Mode trägt und das Klischee einer vibrierenden Start-up-Szene erfüllt, ist nur in begrenztem Masse richtig. Das Gros der Jugend Afrikas ist arm und lebt, wie allgemein die Mehrheit der Bevölkerung, auf dem Land, abgeschnitten von grundlegender Infrastruktur wie fliessend Wasser und Strom – vom schnellen Internet ganz zu schweigen. Betrachtet man ferner die Jugend als die Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsensein, dann hat der Ausbau von Grund- und Hochschulbildung zwar die Dauer dieses Lebensabschnitts auch auf dem afrikanischen Kontinent verlängert. Dieser hat im Vergleich zu den offenen Gesellschaften der westlichen Staaten jedoch keine Industrielle Revolution durchlaufen. Traditionelle Sozialstrukturen mit klaren Rollenmustern für Mann und Frau haben Bestand. Sich auszuprobieren, sich selbst zu finden, kreativ zu sein ist, anders als im Westen, nur wenigen jungen Menschen in Afrika vorbehalten.

Genauso wie das von der AU unter anderem in Person von Aya Chebbi vermittelte Bild der Jugend Afrikas fehlgeht, muss die gesamte Bilanz der Charta kritisch gesehen werden, auch wenn sie bis dato zu den wichtigsten Initiativen und Bereichen gehört, in denen die AU Akzente setzen konnte. Zum einen weist das 22-seitige Dokument an sich bereits mehrere Probleme auf. Liest man es, vermittelt es zuweilen den Eindruck, als ob es zum Zeitpunkt seiner Formulierung keine geltenden Verfassungen mit grundlegenden Freiheitsrechten in Afrika gegeben hätte. So werden für die Jugend das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit, auf Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und viele andere Dinge gefordert. Vor allem aber konnte die AU-Jugend-Charta die Jugendpolitiken der Mitgliedstaaten in der Praxis insgesamt nicht aufwerten. Zwar haben bis heute 32 afrikanische Staaten eine Nationale Jugendpolitik entwickelt. Vieles ist jedoch Theorie geblieben. Implementierung ist das grosse Problem.

Deshalb sollte die politische Teilhabe in einer neuen AU-Jugendpolitik stärker betont und ernster genommen werden. Viele der Mitgliedstaaten haben Nationale Jugendräte geschaffen, die mal stärker, mal schwächer ausgeprägt sind, in der Regel jedoch kaum Gehör finden und in autokratischen Staaten meist von Anhängern der Regierungspartei dominiert sind. Eine neue Jugendpolitik der AU sollte versuchen, die Nationalen Jugendräte der Mitgliedstaaten in ihrer Unabhängigkeit und Input-Funktion zu stärken, auch auf der überregionalen Ebene.

Wie so vieles auf dem Kontinent wird sich letztlich auch die Frage der Jugend und ihrer Teilhabe am politischen Willen der Regierenden Afrikas entscheiden – an dem es bislang mangelt. Gegen den Pessimismus, es werde sich nie etwas in Afrika ändern, kann jedoch eine Entwicklung helfen, die sich in Uganda und anderen Ländern abzeichnet. Die Generation U25 war bei den jüngsten Wahlen lautstark und präsent. Ob zugetan oder auf Distanz, niemand konnte sie mehr ignorieren – nicht als Wähler und auch nicht als Mitbewerber um politische Ämter.

Afrikas Zukunft hängt von der Jugend ab. Das betrifft sowohl die wirtschaftliche Entwicklung als auch die politische Ausrichtung des Kontinents. Zu Recht hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron die Jugend zu einem Parameter seiner Afrikapolitik gemacht.  Auch die EU räumt der Jugend einen immer stärkeren Stellenwert in ihren Beziehungen mit der AU ein.

Zusammenfassung einer Länderanalyse der Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

Share This